aus:  Zwei plus Vier

von Reinhard Iben

Kapitel  vi:  geschäfte  & ein feldweg


Mitte November, ein naßkalter Tag. Am Bahnhof Warterode ist Paul in den Zug gestiegen, wie schon so oft; in Erfurt umgestie- gen und weiter nach Ost-Berlin. Mit Verspätung im kaum beheizten Waggon in Berlin-Schöneweide angekommen, das S-Bahn-Ritual absolviert und 15:40 Uhr Kurier Manfred am Treffpunkt „Kies“ getroffen. Zum Treptower Park gefahren, wo Paul von ihm hört: „Es gibt jetzt echte Neuigkeiten. Mit schönen Gruß von Hans soll ich Dir sagen: die Sache steht. Wobei ich nicht weiß, an welcher Stelle auf der Warteliste ihr seid. Nur soviel: es geht bald los. Ich vermute, Anfang Januar. Nächstes Treffen am 15. Dezember, Treffpunkt Pilz.“ Einen Grog trinken sie noch in der MITROPA am Ostbahnhof, verschwinden dann in verschiedene Richtungen im dunstig-grauen Naßkaltwetter. Kurz vor Mitternacht ist Paul durchfroren zu Hause.
     Tags darauf bespricht er die Reise mit Hanna, glaubt eine neue Qualität in der Auskunft zu sehen. Doch sie bleibt skeptisch, sieht nichts wirklich Neues; allenfalls eine Variante bisheriger Versprechen. In Anspielung auf eine politische Debatte im West- Radio, wo ein Oppositionspolitiker ein Regierungsmitglied in Bonn „Bundes-Ankündigungs-Minister“ genannt hat, weil er dauernd etwas verspricht und nichts geschieht, nennt Hanna die Kuriere „Ankündigungs-Ministranten“. Andererseits gibt sie Paul recht:  „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist“.
     Zwei Wochen waren ins Land gegangen und damit Pauls nächste Verabredung in Ost-Berlin bis auf wenige Tage herange-rückt. Für die vermuteten Folgen der nun hoffentlich kommenden Ereignisse wollte er jetzt schon Vorsorge treffen und dafür eines Abends zu Hause ein wichtiges Werk beginnen.
     Die Vorbereitungen waren inzwischen weit gediehen. Deshalb war Paul zu später Stunde noch wach, als es plötzlich und überraschend an der Haustür klingelte. Am alten Schreibsekretär seines Großvaters saß er und war sehr beschäftigt. Alles im Haus schlief längst. Es ging auf Mitternacht. In tiefer Stille lag die kleine Stadt und diese Straße; bei ruhigem Herbstwetter schon seit Tagen mit jener ganz eigenen Atmosphäre, in der man alljährlich die kommenden Herbststürme vorausahnen konnte. Mit winzigen Zeichen kündigten sie sich an, so auch an der alten Blutbuche, die Pauls Haus gegenüber an der anderen Straßenseite stand. Schwache Windböen durchfuhren ihre Baumkrone in großen Zeitabständen, ließen ganz kurz doch merklich die Blätter rauschen. Dann wieder Stille, völlige Stille. Ab und zu in der Ferne auf einer Hauptstraße das charakteristische Zweitaktmotoren-geräusch eines der landesüblichen Automobile. Sonst nichts. Eine der wenigen Straßenlaternen stand nahe dem Haus und gab ein schwaches Licht an diesem Herbstabend. Schwer vorstellbar, daß um diese Zeit noch ein Besucher kommen könnte. Ein Irrtum vielleicht; jemand mußte sich in der Hausnummer vertan haben.
Sehr Wichtiges hatte Paul zu tun; seine Konzentration war gefordert, jede Ablenkung ärgerlich. All sein Sinnen und Trachten an diesem Abend war auf Vorbereitungen zum heimlichen Verlassen des Landes gerichtet. Dagegen war eine gewaltige, quasi all- mächtige Geheimpolizei geschaffen, landläufig „Stasi" genannt, die riesigen Aufwand trieb, um solche Vorbereitungen zu ent- decken, zu vereiteln und in den Gefängnissen für Nachschub zu sorgen. Hier war alles unentdeckt sehr weit schon gediehen. Das war der Grund, weshalb Paul noch nicht schlief, sondern seit Stunden hier saß.
All seine Habseligkeiten durchforstete er, sämtliche Papiere, Bücher, Briefe, Photos, Aufzeichnungen, Kalendernotizen, schrift- liche Unterlagen jeder Art und Sorte, wie in einer selbst vorweggenommenen Hausdurchsuchung. Sollte das Unternehmen nun bald gelingen, wären Hanna und er verschwunden, würde die Stasi sofort bei Bekanntwerden dessen in ihren Elternhäusern aufkreuzen, aller zurückgelassenen Dinge sich bemächtigen, denn beide würden nichts mitnehmen können außer Hemd und Hose, Jacke und Schuhen. Hier jedenfalls dürfte die Stasi dann alles durchwühlen bis zum letzten Winkel, nach Namen und Adressen suchen, um Bezüge zum Fluchtereignis zu finden.
Alles würden sie hinter sich lassen und nach aller Voraussicht ihr Leben lang nie wiedersehen. Das war klar und wurde in Kauf genommen als Preis, den die Umstände verlangten. Niemand wußte von dem Plan. Nicht die Eltern, nicht die Verwandten, auch kein einziger ihrer engsten Freunde. Doch jeder, der im Nachlaß namentlich erwähnt gefunden würde, konnte von der Stasi vorgeknöpft und durch die Mangel gedreht werden. Auch wer in dieser Sache völlig ahnungslos war, konnte schnell in Gefahr geraten, denn immerhin war möglich, daß auch der eine oder andere ihrer Freunde heimlich etwas vorbereitete. Bei der Art des Verhörens, wie die Stasi es anstellte, konnte man leicht in Panik geraten, irgendeinen Fehler begehen und sich selbst mit anderen in die Katastrophe reißen. So blieb nur, alle Papiere genau durchzusehen, auszusortieren, auszutilgen und bereitzustellen zur Verbrennung in den nächsten Tagen.
Dazu hatte Paul am Schreibtisch schon den dritten Schuhkarton mit flammenraubgeweihtem Papier zu füllen begonnen. Da klingelte der unbekannte Besucher ein zweites Mal.
Im ersten Stock, genau über der Haustür lag sein Zimmer. Um nach draußen besser zu sehen, löschte er das Licht, trat zum Fenster, schob die Gardine ein Stück beiseite und sah nach unten. Der Schrecken des Augenblicks durchfuhr ihn als eisiger Blitz. Schlagartig zurückgeprallt, waren seine Kiefer gepreßt, Arme und Beine krampfhaft erstarrt. Unten stand, wie aufgetaucht aus dem Nichts, ein Geländewagen sowjetischen Typs, den auch die Volkspolizei gebrauchte und vor der Haustür zwei entsprechend Uniformierte.
Ein letzter Bewußtseinsrest in der Starre war auf Flucht gerichtet. Sofort raus hier! Raus und weg! Durch die Hintertür in den Garten und weg! Ja, weg-weg, - doch wohin denn nur?! Außerdem: das kann nicht klappen! Wenn sie schon hier vorn stehen, dann stehen sie auch hinten, dann ist alles umstellt.
Plötzlich ein zweiter Schreck beim Gedanken: jetzt stehen sie auch bei Hanna an der Tür und greifen zu. Vor Pauls geistigem Auge das Bild, wie sie im Knast in die Zange genommen wird: „Es hat keinen Zweck mehr zu leugnen!! Wir haben auch Ihren Freund erwischt und der hat soeben gestanden! Durch Ihr hartnäckiges Leugnen dokumentieren Sie nur ein weiteres Mal Ihren verbrecherischen Charakter! Das wird noch Folgen haben - Sie verschlechtern Ihre Lage von Minute zu Minute!! Und mit Leuten wie Sie, da können wir noch ganz anders! Wir haben unsere Methoden, da wird Ihnen Hören und Sehen vergehen!! Subjekte Ihrer Art haben bei uns schon auf Knien gebettelt, aussagen zu dürfen!!"
Nach diesen Gedanken ein anderer, den Paul zunächst für neu hielt: ...aber vielleicht, vielleicht ist alles ... alles doch nur... nur ein Irrtum, ein Versehen vielleicht? Gleich wird alles... sich aufgeklärt haben...
Diese Art Selbstbetrug hatte Tradition. Unzählige schon vor ihm hatten solches sich eingeredet während der vorangegangenen fünf Jahrzehnte. Wann immer auch diese oder jene oder sonstwelche Geheimpolizei vor der Tür stand, glaubten Verzweifelte Hoffnung zu schlürfen aus diesem trüben Becher. „Irrtum - ha - ha – haaa!! Ein Versehen, ja–ja !! Ach, wie lustig!!" höhnte peinigend eine Stimme in Pauls Innerem und brüllte weiter: „Von wegen!! Keiner ist unschuldig!! Jeder ist verdächtig und am allerverdächtigsten sind die, die sich als unschuldig ausgeben!! Und dann stehst Du hier, Du fürchterlicher Einfaltspinsel in Deiner namenlosen Blödheit und willst Dir was einreden von Irrtum und Versehen und solchen Quatsch!! Ausgerechnet Du, der mitten drinsteckt in heikelster Vorbereitung, die ein Staatsverbrechen darstellt in Augen der paranoiden Obrigkeit! Du weißt doch: jede gelungene Flucht gilt denen als blamable Niederlage, unerträglicher Autoritätsverlust. Auch deshalb sind sie so gewalttätig und unberechenbar! Faselst Du noch immer von Irrtum und Versehen, Du Unglücksmensch, Du Narr?!“
Halt! Könnte es nicht doch einen Gesichtspunkt noch geben, der anderes möglich scheinen läßt? Wäre es nicht unklug aus Sicht der Stasi, ausgerechnet heute, in dieser Phase unseres Unternehmens zuzuschlagen? Sollten sie die Vorbereitungen entdeckt haben, kann das nur durch Verrat oder Beschattung passiert sein. Dann aber wäre dies ein sehr dummer Zeitpunkt zum Zugreifen. Bei einem Geheimtreffen mit anderen Beteiligten etwa, oder beim Start des Unternehmens selbst, wäre es viel, viel lukrativer für die Stasi...
Also, was ist: machst Du jetzt die Tür auf oder versuchst Du ohne Aussicht auf Erfolg wegzurennen, was Dich erst recht ver- dächtig macht? Na, also. Dann versuch` mal, so gut es geht, die Ruhe zu bewahren. Geh` mal ganz langsam und gemütlich runter zur Haustür...
Paul ließ das Licht im Zimmer gelöscht, trat aus der Tür zur Treppe und schaltete das Flurlicht am Hauseingang ein. Jetzt wußten sie, daß jemand kommen würde. Langsam stieg er die Treppe hinab, durchquerte den geräumigen Hausflur und kam über die letzten vier Steinstufen zur großen zweiflügligen Haustür. Er schloß auf, öffnete langsam einen Türflügel und sah sich zwei Männern gegenüber.

Auf den zweiten Blick erkannte er sowjetische Armeeuniformen, in denen Russen steckten. Einer wies mit der Hand zu Boden, wo vor ihm ein Blechkanister stand und fragte:
„Chotitje li wuj kupitj?  Wott, dessjatj litrow. Ss kanistroj – dessjatj marok".
Was?? -  Ich?? - Kaufen??  
„Nu, wott: Bensin... choroschij Bensin.“
Ein Stück Zeit wurde zersägt von Pauls tiefen, langen Atemzügen in der Stille, während sein Blick langsam hoch zur Straßen-laterne und hinaus über sie ins Unendliche glitt, bis russisch radebrechend seine Antwort kam:
„Danke, nein; nicht haben Auto, danke viel."
Ob von anderen Hausbewohnern jemand ein Auto besitze, wollte der Russe noch wissen.
„Hier niemand Auto haben im Haus", sagte Paul in seinem Stümmel-Russisch, „möglich dort Leute mit Auto", und er wies den Weg stadtauswärts, wo weitere Häuser in der Dunkelheit die Straße säumten. Die beiden Russen dankten freundlich und wandten sich zum Gehen.
„Dobruij wetscher, schelaju wam spakoijnoij notschi. Bolschoje wam sspassibo, schelaju wam schtschastliwowo putij. Do swidanija", kam überraschend fließend russisch über Pauls Lippen; zu Schulzeiten auswendig gelernte Formulierungen, nach langer Verschüttung aus den Tiefen des Gedächtnisses plötzlich wieder aufgetaucht.
Sekunden später wurde draußen ein Motor angelassen und der Wagen fuhr ab. Leise hatte Paul die Haustür geschlossen, war reglos dahinter stehengeblieben, den Türgriff noch in der Hand und blieb unschlüssig, ob er nochmals öffnen solle, um sich von ihrer Abfahrt zu überzeugen.
Erst jetzt begann er seinen Herzschlag bis hinauf in den Hals zu spüren, sein Gehör plötzlich über alle Maßen hellwach. Intensiv lauschte er in die Nacht hinein, hörte im Windesrauschen der alten Blutbuche schier jedes Blatt; jedes einzeln für sich rauschen, bis ein allgegenwärtiger Ton daraus geworden zu sein schien. Wie auch immer er den Kopf drehte und wandte, die Quelle war nicht aufzufinden. Tief in seinen Ohren hatte es sich eingenistet als klirrendhartes, dennoch feines Rauschen; als würde Kies in gleichmäßigem Strom über ein Förderband in weiter Ferne zu einem Haufen geschüttet.
Zwei Schritte trat er rückwärts, bis er die erste der vier Steinstufen hinter sich wußte; ließ dann langsam sich niedersinken. Auf der untersten Stufe kam er zum Sitzen und lehnte die linke Schulter und den Kopf an die Wand. Lange blieb er reglos in dieser Stellung hocken. Der Zeitschalter hatte das Flurlicht längst gelöscht, als der Einundzwanzigjährige in der Dunkelheit sich erhob, mit Gelenken die sich anfühlten wie ungeölte Scharniere und mit den Schritten eines Greises zur Treppe und diese hinauf in sein Zimmer schlurfte, ohne das Licht noch einmal eingeschaltet zu haben. 

Nur wenige Tage noch, und es war spürbar kälter geworden über Nacht, ein alles verhüllender Schneefall erhofft, doch ausgeblieben. Hand in Hand gingen Hanna und Paul auf einem Feldweg zwischen Wiesen und Äckern an diesem Abend.

Ihre frierende Rechte hatte er zu sich gezogen, zusammen mit der linken seiner immerwarmen Hände in die linken Manteltasche geschoben. In wohliger Wärme blieb sie dort, bis Paul zu Hannas anderer Seite wechselte und seine Rechte ihre fröstelnde Linke in gleicher Weise ergriff. 

Die kalten Winde waren schwach, erhoben dennoch immer wieder sich zu Böen und fegten dann wie unsichtbare Besen den spärlich gefallenen, körnigen Schnee hin und her. So entstanden und vergingen bizarre Schwarzweißmuster im gefrorenen Schlamm des Feldweges mit dort erstarrten Spuren von Schuhsohlen, Pferdehufen und Radprofilen; Bilder, die ständig wechselten im Rhythmus der Böen mit einem Weiß, das unfähig blieb, etwas zu bedecken. Bisweilen unterbrochen war das federleichte Spiel, wenn aufbrausender Wind allen Schnee in eine Richtung zwang und ihn dicht am Boden über die Flächen jagte in gleichförmig-weißer Strömung, die hier und da sich brach an Maulwurfshügeln, im Feldrain aufragend wie kleine braune Vulkankegel.

In dämmrig-dunstiger Ferne verschmolzen die Umrisse grauer Bergbuckel mit den Konturen gleichgrauer Wolkengebilde dicht darüber, wurden ununterscheidbar; tiefer und näher gelegene Wälder standen als schwarzblaue Streifen davor. Kaum erleuchtet, lagen die Gemäuer von Warterode und sein schlanker Kirchturm in der Nähe, hoch aufragend vor den dunklen Vorbergen des Thüringer Waldes.

Das Problem liege nur bei ihm, sagte Paul nach einer Weile, ganz klar. Ohne ihn wäre alles längst erledigt, Hanna über alle Berge. „Aber, Paul. Was soll ich hinter allen Bergen ohne Dich.“
Hinter allen Bergen, so Paul darauf, wolle auch er nicht ohne sie sein. Es bliebe nur die Hoffnung, daß die Fluchthelfer nun endlich mal eine innerdeutsche Möglichkeit fänden. Vor vier Wochen hatte er gehört, es sei nun so weit, wahrscheinlich Anfang Januar könne es losgehen. Details sollten morgen am Treffpunkt in Ost-Berlin besprochen werden.
Morgen würde auch Hanna für ein paar Tage verreisen, erst zur Tante Clara nach Rudolstadt, dann zum Bruder nach Jena und zur Schwester in Eisenberg. Paul möge dazu kommen, morgen Abend von Ost-Berlin direkt nach Rudolstadt fahren. Am Bahnhof würde sie ihn abholen.
Vor Hannas Haus verabschiedeten sie sich: „Bis morgen Abend“.