Zukünfte hinter uns

Von Reinhard Iben, 26.06.2008

Nichts gegen Sachbuchautoren. Meistens redliche Leute. Die ganz Redlichen verweisen sogar selbst auf dünne Stellen ihrer Werke, wenn ihnen trotz aller Genauigkeit analytisch- wissenschaftlicher Beweisführung auch mal Hypothesen beim Löcherstopfen helfen müssen. Doch manchmal machen sie auch bei größter Sorgfalt keine Furore.
So erging es um 1920 einem Herrn Ludwig v.Mises, der mit „Die Gemeinwirtschaft. Untersuchungen über den Sozialismus“ zu beweisen suchte, daß ein Wirtschafts-und Gesellschaftssystem nach dieser Idee in der Praxis nicht funktionieren könne und operierte mit ökonomischen, rechtsphilosophischen, soziologischen und historischen Argumenten. Keine Gnade fand er damit im intellektuellen Diskurs seiner Zeit, wo man einen Erlösungstraum sich nicht von einem Herrn v.Mises vermiesen lassen wollte, besonders, wo doch eben in Russland eine große proletarische Revolution… das Glück der Menschheit …. in Riesenschritten…
     Hin und wieder finden sich Belege für die Behauptung, statt mit messerscharfen Methoden wissenschaftlicher Analyse sei manchmal der Wahrheit näher zu kommen, wenn literarische Mittel angewandt würden, insbesondere falls ein Autor es schaffe, seiner Phantasie allerfreiesten Lauf zu lassen.
So zum Beispiel knapp dreißig Jahre vor Herrn v.Mises, genau 1891, als ein gewisser Eugen Richter, deutscher Politiker und Publizist, sich darin versuchte. Der kam auf die Idee, die sozialistischen Visionen, wie damals von August Bebel formuliert, literarisch zu verarbeiten. An Zukunfts-Romanen war auch damals kein Mangel, man liebte es, sich an Visionen zu ergötzen und Richters Buch fand gut eine Viertelmillion Leser. Nun zum Werk, das kürzlich eine Wiederauflage erlebt hat. Sein Original-Titel ist aus heutiger Sicht etwas unglücklich gewählt: „Sozialdemokratische Zukunftsbilder“. Daß eine andere, üble Art von Menschheitsbeglückern es war, die mit von fremder Besatzungsmacht geliehener Autorität Jahrzehnte später jahrzehntelang an Land und Leuten sich austoben durfte, weiß man heute.
Eugen Richter nimmt in seinem Roman die stramm marxistischen Schriften August Bebels auf´s Korn, indem er dessen Visionen mit vielen Details ausmalt. Heraus kommt die Beschreibung einer grottenfinsteren Zukunft, geprägt von Not, Chaos und Gewalt. Aus der Perspektive eines biederen Buchbindermeisters und überzeugten Sozialdemokraten wird erzählt, wie in Berlin die Revolution gesiegt hat, endlich über dem Reichstag die rote Fahne weht und große Begeisterung herrscht über  „die Auferstehung des neuen Reiches der Brüderlichkeit und der allgemeinen Menschenliebe“. Doch die Freude wird bald schon getrübt, als nach der bejubelten Verstaatlichung der Wirtschaftsbetriebe eine allgemeine Arbeitspflicht eingeführt wird.
(„Wie bitte?“ – fragt sich spätestens hier der altgediente DDR-Bürger, „das kommt Unsereinem doch bekannt vor...“)
Als Zugabe kommt noch die Abschaffung der freien Berufswahl.
Die sozialistische Vision hatte die „Emanzipation des Weibes“ versprochen und beglückt wird die Menschheit in Richters Beschreibung durch den totalen Zugriff des Staates auf die Familien. Die Kinder müssen in Krippen abgeliefert werden und die Alten werden – nach den Regeln des Staates, versteht sich – in Heimen untergebracht. („Ja, sowas aber auch – wie isses nur mööchlich??“) Die Wohnungen, wie auch immer sie beschaffen sein mögen, werden den Werktätigen vom Staat zugewiesen, die Mahlzeiten in riesigen Staatskantinen eingenommen. (...in Rumänien erinnert man sich, daß neunzig Jahre später ein Großer Sozialistischer Conducator den Bau solcher Küchen ins Werk setzen ließ...) Weiter: Sämtliche Vermögen sind enteignet und im großen Staatshaushalt aufgegangen. Gleichzeitig sinkt in allen Bereichen der Wirtschaft die Produktivität und mit ihr der Lebensstandard, es kommt zu Versorgungsengpässen.

(„Nachtigall - ick hör´ dir trappsen“, können besagte Altgediente heute nur sagen, oder vor Lachen sich schütteln)
Von zeitgenössischen Publikums-Reaktionen ist wenig bekannt, nur drei denkbare Varianten seien hier, grob umrissen, dargestellt.
Es sagt A.: „Mein Gott, hat der Kerl eine blühende Phantasie! Sozialistische Heilsversprechen halte auch ich für Kokolores – doch muß man denn gleich sooo maßlos übertreiben? Herr Richter soll mal auf dem Teppich bleiben...“
Dann B.: „Das meint der doch nicht ernst! Was er da als Zukunft beschreibt, ist eine schräge Satire mit Gruseleinlage – sowas gibt’s doch in Wirklichkeit nicht! Sowas kann es gar nicht geben, nie und nimmer...“
Und C.: „Von wegen Satire! Der Autor ist bezahlter Schmierant im Dienste der Kapitalisten; will den Fortschritt der Menschheit sabotieren mit übelsten Verleumdungen, wie sie nur einem kranken Hirn entspringen können. Hinweg mit dem Dreck!“
So etwa könnten Reaktionen von Zeitgenossen ausgesehen haben.
Einen Passus dürften Richters damalige Gegner besonders übel genommen und ihm vorgeworfen haben, damit schweres Unrecht dem Sozialismus zuzufügen, weil er geschrieben hatte, bald begännen die Menschen aus diesem auszuwandern. Erst einige, dann immer mehr, schließlich massenhaft und so käme die sozialistische Obrigkeit auf die Idee, das Land hermetisch abzuriegeln. Dazu hatte Richter sich auch noch zu dem perfiden Satz hinreißen lassen, Zitat: “Die Grenzpatrouillen sind angewiesen, gegen Flüchtlinge von der Schusswaffe rücksichtslos Gebrauch zu machen“.
Da kann Unsereins heute nur in Schweigen erstarren, um mit innerer Stimme ein lautlos rhetorisches NEIN zu brüllen. Nein!! - ein solcher Satz im Jahre 1891!  Wenigstens wissen wir nun, welche Lektüre beim Mauerbau 1961 Ulbricht und Konsorten auf dem Tisch hatten.
Der gute Buchbindermeister erkennt dann die Schwächen des Systems, sieht, daß nur für eine abstrakte Gemeinschaft gelebt und gearbeitet wird und individuelle Anreize kaum vorhanden sind. So schreitet statt des Fortschritts nur Eines stetig voran: der allgemeine Verfall der Wirtschaft. Zitat: „Viele Milliarden an Werten hat die Umwälzung schon zerstört, Milliarden müßten weiter geopfert werden, um die jetzt vorhandene Desorganisation der Volkswirtschaft wieder zu beseitigen“. Aus exakt hundert Jahren Distanz hat es Eugen Richter also geschafft, mittels meditativer Phantasie-Entgrenzung sich sogar bis nahe an die „Treuhand-Anstalt“ heranzuarbeiten. Welch eine Leistung.
Unter den vielen, vielen Zukünften, die nie stattgefunden haben, kann also doch hin und wieder mal eine sein, die bis hinein in scheußliche Details sich vergegenwärtigt.
Überdenkt man die oben angeführten Publikums-Reaktionen „A.“ bis „C.“, könnte anhand dessen auch Schopenhauers „Welt als Wille und Vorstellung“ lustvoll persifliert werden zu einer „Welt als Glauben und Wollen“ mit den Unterabteilungen „Glaubenwollen“ und „Nichtglaubenwollen“, weil eben der Glaube auch eine Frage des Wollens zu sein scheint.
Geht es uns in dieser Hinsicht heute besser als den Leuten vor hundertsiebzehn Jahren? Kaum. Eigentlich so gut wie fast gar nicht. Auch wir werden tagtäglich vollgedröhnt aus allen möglichen Ecken mit Zukünften verschiedenster Art. Wieder stehen wir vor der schwierigen Frage, was ernst zu nehmen sei und was nicht, was davon wir glauben sollen, wollen, dürfen oder müssen.