Zel & Zel

von Reinhard Iben  a.k.a. "Jodocus Kuhnickel"


Ein skurriler Zufall fügte es im September 1962, daß in der Klasse 9A der Arnoldischule zu Gotha zwei Schüler ihre Gymnasial-

zeit begannen, deren beider Familiennamen auf ....zel endeten. Und auch sonst hatten sie - bei aller Unterschiedlichkeit ihrer Cha- raktere - allerhand Gemeinsamkeiten aufzuweisen.

Der Klassen-Leiter und Russisch-Lehrer (kurz: K.L.u.R.L. , im folgenden ganz kurz: Klurl), also der Klurl dieser Klasse habe für beide eine äußerst wichtige Rolle gespielt, bemerkten sie übereinstimmend bei einer rückschauenden Betrachtung viele Jahre später. Er habe ihnen zu einer Reihe außerordentlich wichtiger Erfahrungen und Erkenntnisse verholfen und es sei ein großes Glück für sie gewesen, daß dies bereits während der 10. Klasse - also 1963/64 - geschehen sei.

Wenn es etwas gab in der DDR, woran praktisch nie Mangel herrschte, so waren es die vielen schönen politischen Aufrufe und Deklamationen, die es allenthalben zu unterschreiben galt: "Gegen den aggressiven Adenauer-Imperialismus der BRD!" "Gegen die antisozialistischen Wühl-und Hetzsender in der imperialistischen Agentenzentrale Westberlin!" "Verpflichtung zu besonderen Aufbauleistungen zu Ehren des 1.Mai" "Selbstverpflichtung zur weiteren Intensivierung von....." usw usw.

So gewöhnte man sich ans Unterschreiben, mancher entwickelte große Fingerfertigkeit dabei und eine Unterschriftsleistung unter einer Verpflichtungserklärung später bei der Stasi war dann für so manchen nichts weiter als die Fortsetzung einer wohlbekannten Übung.

Es muß in der ersten Jahreshälfte 1964 gewesen sein, daß in der Arnoldischule wiedermal eine Gelegenheit zum Unterschreiben auftauchte. Der Genosse Klurl hielt einen Vortrag über die schier unvergleichlichen Vorzüge der "Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft“ (auf russisch natürlich) und stellte klar, wie großartig, ehrenvoll und wichtig es sei, in eben dieser Gesellschaft Mitglied zu werden. Nicht ohne den - schon an anderer Stelle ergangenen - Hinweis, daß es eine große  Auszeich-

nung sei, Schüler an einer sozialistischen EOS zu sein. Wobei diese Auszeichnung vom Vertrauen der Arbeiterklasse getragen sei, welche bekanntlich im Kampfbündnis mit der Sowjetunion ….usw usw. Im Anschluß an diesen Vortrag eilte der Genosse Klurl zwischen den Bankreihen entlang und verteilte Formulare, welche ausgefüllt und unterschrieben in der nächsten Russischstunde abzugeben seien.

Zel & Zel berieten darüber zu Hause, ohne Zeugen und peinlich darauf bedacht, daß auch wirklich kein heimlicher Lauscher zuhörte. Man kam überein: diesmal nicht. Wir lassen diese Blätter blank.

Zu Beginn der nächsten Russischstunde eilte der Klurl wieder durch die Bankreihen, um „ratsch-ratsch-ratsch-ratsch“, wie man es von seinen Extemporaleblättern bestens kannte, die besagten Formulare einzusammeln. In irgendeinem Büro wurde dann festgestellt, daß zwei Formulare der Klasse 10A leergeblieben waren und auch die Täter waren bald ermittelt.

Die Reaktion folgte auf dem Fuße in der nächsten Russischstunde.

Im Verbreiten von Angst und Schrecken war der Genosse Klurl wirklich meisterhaft. Die Mehrheit der Schüler ahnte nichts Böses zu Beginn dieser Russischstunde, wenngleich einigen aufgefallen war, daß das Gesicht des Klurl beim eilenden Heran-

nahen an die angetretene Schülerreihe wie versteinert wirkte. Nachdem im Klassenraum die pseudomilitärische Meldungs- und Begrüßungsformel absolviert war und die Schüler Platz genommen hatten, begann der Klurl mit schneidender Stimme (auf russisch) einen neuerlichen Vortrag über die Bedeutung und Wichtigkeit der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft, gespickt mit all jenen unsäglichen Agit-Prop-Phrasen und ideologischen Wortpoltereien, die man allesamt bereits in unzähligen Varianten kannte. Das alles gestenreich vorgetragen. Keiner in der Klasse konnte sich so recht einen Reim darauf machen, wieso denn das nun wieder alles... man hatte doch... Allerdings, eben bis auf zwei, also nicht zu 100%, wie es die obrigkeitliche Zielvorgabe für den Klurl gewesen war.

Zel & Zel erkannten mit stetig wachsender Beklemmung, daß hier die Messer gewetzt wurden. Ganz abrupt fand der Vortrag ein Ende. Mit langen Schritten marschierte der Genosse Klurl auf den Platz des einen Zel los, hielt inne, schwer atmend, beide Fäuste in die Seiten gestemmt, leicht nach vorn gebeugt. Er forderte Zel auf, sich zu erheben und fragte in barschem Ton (natürlich alles auf russisch): "Sind Sie Mitglied der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft?!" und als eine Antwort ausblieb, weiter: "In welchen gesellschaftlichen Massenorganisationen sind Sie Mitglied?!“

Zel stotterte irgendwas von " Ya... nje... tschljenn..." "Setzen!!" erfolgte die Antwort im Brüllton, um sogleich weiterzueilen zum Platz des anderen Zel. Hier wiederholte sich fast wortwörtlich das inquisitorische Spiel.

In der Klasse herrschte Totenstille, keiner wagte, auch nur einen Finger zu rühren. Alle waren zunächst starr vor Schrecken, bis man dann langsam begriff, daß Zel & Zel offenbar den bewußten Antrag nicht unterschrieben hatten. Über das, was während dieser Darbietung in den Köpfen der anderen vor sich ging, ist später nur wenig bekannt geworden. Innerlich gebilligt hat diese Vorführung letztlich wohl kaum einer.

Dem Genossen Klurl war dies jedenfalls noch nicht genug. Verteilt über die nächsten Russischstunden der folgenden Wochen wurde das perfide Inquisitionsspiel fortgesetzt. Immer nach dem gleichen Muster, wie oben: Abfragen, in welchen "Gesell-schaftlichen Massenorganisationen" Zel & Zel denn wohl Mitglied seien; Aufforderung, dieses und auch die Frage, weshalb sie nicht Mitglied in der "Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft" seien, auf russisch zu beantworten.

Das zu beantworten, gelang natürlich nicht auf russisch, es scheiterte schon am begrenzten grammatischen Kenntnisstand von Zel & Zel. Das zu beantworten, hätte auch auf deutsch nicht getan werden können, denn die einzig richtige Antwort wäre gewesen: "Es gibt für mich überhaupt keinen Grund, Mitglied zu werden in Ihrer Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft und im übrigen bin ich Ihnen darüber in keiner Weise Rechenschaft schuldig. Und nun lassen Sie mich bitte in Ruhe."

Eine solche Antwort hätte unweigerlich zur nächsten Repressalien-Stufe geführt, zur sofortigen Abstempelung als "Feind"; wahrscheinlich zum umgehenden Rauswurf aus der Arnoldischule. Also unterblieb hier wiedermal etwas, was eigentlich dringend nötig gewesen wäre.

Nach einer Weile erlahmte der Eifer des Genossen Klurl, zumal er gespürt haben mag, daß dieser Zirkus sich abnutzte und schließlich nur noch auf die wiederholte Vorführung der mangelnden Russischkenntnisse von Zel & Zel sich reduzierte.

Aus heutiger Sicht, oder besser gesagt, vom Standpunkt eines gesunden Menschenverstandes stellt sich die Frage: Was mag der Klurl mit dieser Aktion gegen Zel & Zel wohl bewirkt haben wollen? Befriedigung sadistischer Gelüste? Unwahrscheinlich. Haß auf die Nasen von Zel & Zel? Noch unwahrscheinlicher. Tiefe, glühende Liebe zur Sowjetunion, die er durch das Verhalten von Zel & Zel verletzt, beschmutzt, herabgewürdigt sah? Oder doch vielleicht besondere Zuneigung zu Zel & Zel in der Absicht, sie zu den höchsten Stufen ihres Lebensglückes zu bringen?

Nichts von alledem. Wir kommen der Sache vielleicht näher, wenn wir uns folgendes ins Gedächtnis rufen: Nachdem es der SED in sowjetischem Auftrag gelungen war, im Verlauf der 50er Jahre jeden auch noch so geringen Widerstand gegen ihren absolu-tistischen Machtanspruch - mit allen Mitteln, bis hin zu blankem Terror - zu brechen und mit dem Mauerbau 1961 auch die letzte "Widerstands"-Möglichkeit durch Davonlaufen genommen war, war man verstärkt dazu übergegangen, nach Zeichen mangelnder Anpassungsbereitschaft zu suchen.

Zu diesem Zweck war das ganze Land vollgestellt mit "Geßler-Hüten", welche sehr eindrucksvoll aufgelistet sind auf S. 119 der "Geschichte der Arnoldi-Schule". Die dort euphemistisch "politisch-ideologische Erziehung" genannten Perversionen - ausge-

dacht von den Landvögten im sogenannten Volksbildungsministerium in Ost-Berlin - hatten auch den Zweck, mangelhafte Anpassungsbereitschaft aufzuspüren und rigoros auszumerzen. Wer also irgendeinen dieser in feiner Abstufung aufgestellten "Geßler-Hüte" nicht grüßen wollte, bekam die Reaktion der Staatsmacht in einem ebenso fein abgestuften System zu spüren. Und der Klurl hatte - wie alle anderen Klurls - eben dieses umzusetzen und zu überwachen und wurde von der Obrigkeit in die Zange genommen, wenn sich bei ihm irgendwelche Mängel zeigten. So ging dieses perverse System, lückenlos und flächendeckend und mit deutscher Gründlichkeit durch ausnahmslos alle Bereiche der Gesellschaft.

Und was die Arnoldi-Schule betraf, so hatte auch sie stets das Allerwichtigste im Auge zu behalten: die "Heranbildung der sozialistischen Persönlichkeit", also des perfekt angepaßten, sich freudig mit seiner eigenen Entmündigung identifizierenden Untertanen, dessen höchste Erfüllung ein Dasein als williger Vollstrecker jedes - aber auch wirklich jedes - Parteiauftrages zu sein hatte. Deshalb der ganze Zirkus.

Hätte somit der Klurl anders handeln können? In der oben skizzierten Lage, selbst auf dem Pulverfaß sitzend, von der nächst-höheren Instanz ständig in die Zange genommen, durch das ganze System herabgewürdigt zu einem armen Teufel - wie alle anderen auch? Schwerlich. Schwierig zu beantworten. Er hätte mindestens in Nuancen anders verfahren können. Vielleicht hat bei dieser häßlichen Zel & Zel-Geschichte ihm sein Unterbewußtsein einen Streich gespielt: So, wie bei dem Ober-Sklaven, der plötzlich gewahr wird, wie ein Untersklave sich etwas herausnimmt, was er selbst nur zu gern auch tun würde, sich aber nicht traut. Solch ein Ober-Sklave reagiert dann oft mit besonders erbitterter Aggressivität und Haß, welcher eigentlich nur Selbsthaß ist.

Wie dem auch sei, er hatte getan, wie oben beschrieben und das hatte erhebliche, ganz unerwartete Konsequenzen.

Zel & Zel hielt diese Affäre längere Zeit gedanklich beschäftigt und sie zogen daraus am Ende diesen pessimistischen Schluß: Ein System, was so strukturiert ist, daß in solcher Weise mit den Menschen umgesprungen werden kann, ist zu noch ganz anderen Dingen fähig. Das hier Erlebte ist nur ein kleiner Vorgeschmack; ein ganz kleiner, bescheidener Anfang. Es muß damit gerechnet werden, daß Pressionen von ganz anderem Kaliber noch kommen werden. Dieser Befund beruhte auf analytischem Durchdenken der bestehenden Verhältnisse und Umstände, was man durchaus tun konnte, wenn man sich nicht den Luxus des permanenten Verdrängens leisten wollte. Teilweise mag auch ein jugendlich-intuitives Denken eine Rolle gespielt haben.

Wie richtig diese beiden sechzehnjährigen Burschen mit dieser Einschätzung  gelegen hatten, läßt sich seit einigen Jahren in allen ekelerregenden Einzelheiten bei der Gauck-Behörde nachlesen.

Nachdem besagter Schluß gezogen war, stellte sich unausweichlich die Frage nach der Konsequenz. Und die Konsequenz konnte nur lauten: Raus. Raus aus dem Machtbereich der großen und kleinen Tyrannen. Und zwar in eine Himmelsrichtung, in der, wie man wußte, die Dinge völlig anders lagen, nämlich Westen. Ganz egal, was auch immer der Genosse Staatsbürgerkunde-Lehrer für ein Zeugs erzählen mochte. Also umgehend damit beginnen, unter allergrößter Vorsicht nach einer Möglichkeit zur Flucht zu suchen.

Am 10. Oktober 1964 schlug eine Nachricht wie eine Bombe in der Arnoldi-Schule ein, allerdings eine unsichtbare, unhörbare Bombe. Drei Tage vorher, am 7.Oktober, dem "Tag der Republik"  - als würde damit der ganzen DDR die ihr gebührende Referenz erwiesen - war einem Schüler aus einer Parallelklasse von Zel & Zel die Flucht in den Westen gelungen. Obwohl nirgendwo in Gotha so auch an der Arnoldi-Schule, auch nur ein einziges Wort dazu öffentlich verlautete, verbreitete sich die Nachricht am 10. Oktober im Schulhaus wie ein Lauffeuer. Fast alle Schüler, die sie auf dem Flüsterweg erreichte, rieben sich heimlich die Hände und feixten.

So auch Zel & Zel, die es allerdings nicht beim Feixen beließen, sondern alsbald erste Maßnahmen ins Werk setzten, um auf geheimen Umwegen herauszubekommen, an welcher Stelle dem Mitschüler die Flucht über die Grenzsperranlagen gelungen war. Nachdem sie das wußten, begannen sie monatelange Detailplanungen und umfangreiche Vorbereitungen. Die Flucht war für den 4. April 1965 geplant. Das Unternehmen ging leider schief, Zel & Zel wurden festgenommen.

Und wieder waren ein paar Ober-Sklaven mit von der Partie. In noch wesentlich höherem Stadium der "politisch-ideologischen Erziehung" befindlich und bereits als willige Vollstrecker fungierend, mit sowjetischen Kalaschnikows wohlversorgt, gingen sie freudig ans Werk. Zel & Zel wurden mit einem Jeep sowjetischer Herkunft zunächst ins Untersuchungsgefängnis Nordhausen gebracht, einige Tage später etappenweise über diverse andere Gefängnisse schließlich ins Untersuchungsgefängnis Eisenach am Theaterplatz, damals "Leninplatz", sinnigerweise. Sie waren - unter totaler Isolation, auch und gerade voneinander - in einer Welt gelandet, über die in der Öffentlichkeit nichts Konkretes bekannt war, über die sich nur beklemmende Gerüchte rankten und deren Vorhandensein in der kollektiven Psyche überall als unterschwellige Furcht ständig wirksam war.

Welche Vorgänge ihre Verhaftung in der Arnoldi-Schule nach sich gezogen hatte, blieb Zel & Zel unbekannt.

In der bereits zitierten "Geschichte der Arnoldischule" S.117/ 119 ist sicherlich zutreffend geschildert, wie die SED-Machthaber in ihrer Wut und Frustration auf den Klurl einschlugen. Die dort gewählten Formulierungen sind allerdings höchst aufschluß- reich und legen den Eindruck nahe, als seien die beiden Verhafteten schuld an des Klurls höchst beklagenswertem Schicksal. Zu dieser Art Betrachtungsweise finden sich im Werk Franz Kafkas beeindruckende Abhandlungen.

Es wirft ein Licht auf die Feigheit des SED-Regimes, daß die "Gerichtsverhandlung" genannten stalinistischen Justizpossen, die gegen geschnappte Flüchtlinge und andere Politische ins Werk gesetzt wurden, praktisch immer unter Ausschluß der Öffent-lichkeit stattfanden.

Doch hier hatte sich der Genosse Staatsanwalt des Kreises Gotha namens Stefanusberg etwas ganz besonderes ausgedacht: Er hielt es für zweckmäßig, im Falle von Zel & Zel von der üblichen Praxis abzuweichen und vor einer begrenzten Öffentlichkeit – rekrutiert aus Schülern der Arnoldi-Schule - ein Exempel zu statuieren. Ende Juni 1965 wurden die beiden Häftlinge nach Gotha zum damaligen Kreisgericht, Justus-Perthes-Straße, gebracht, zum Zwecke eben dieser "Gerichtsverhandlung".

Vielleicht war es Zufall oder ein Fehler der Regie oder sonstwas: die Anklagebank stand nicht - wie üblich - quer vor dem Richtertisch, also mit dem Rücken zum Publikum. Sie stand neben einer Saaleingangstür an der Längswand des Raumes, so daß die Angeklagten sowohl das "Gericht" zu ihrer Rechten, als auch den mit Schülern gefüllten Gerichtssaal zur Linken bestens im Auge hatten. So, als seien sie Zuschauer in einem Spiel, das zwischen "Gericht" und Publikum ablief.

In den hinteren Zuschauerreihen befanden sich einzelne, die es wagten, durch diskrete Handzeichen Zel & Zel eine Art von Verbundenheit, solidarische Haltung und dergleichen auszudrücken. Geduckt hinter dem Vordermann, gedeckt vom Nebenmann wagten sie dies tatsächlich, trotz der Volkspolizisten die die Anklagebank flankierten, jedoch meistens gradeaus Richtung Fenster starrten.

In der ersten Zuschauerreihe saß der Klurl mit versteinerten Gesichtszügen und zusammengepreßten Lippen und würdigte die Angeklagten keines Blickes. Bemerkenswerterweise genoß der Klurl während dieser Posse ein außergewöhnliches Privileg. Wohlversorgt mit Stift und Papier durfte er, was sonst keiner im Publikum auch nur hätte probieren dürfen (die Angeklagten schon gar nicht): eifrig mitschreiben, während der gesamten Veranstaltung. Der als "Richter" fungierende klassenbewußte SED-Genosse sprach die ganze Zeit so gut wie gar nichts, die Prozeßführung lag völlig in Händen des Staatsanwaltes. Offensichtlich orientiert an Josef Stalins Oberschergen Wyschinski, welcher 1937 in Moskau erstmals vorgemacht hatte, wie man in einem Schauprozeß Angeklagte vorführt, wie man sie - völlig gebrochen - zur Selbstanklage und zur Forderung der Höchst-strafe für sich selbst bringt.

Zum großen Ärger des Genossen Kreisstaatsanwalt Stefanusberg geriet diese Veranstaltung aber nicht ganz so, wie er es sich gewünscht hatte. Er versuchte Zel & Zel gegeneinander auszuspielen, was jedoch mißlang. Die Aussagen einiger Mitschüler, die als "Zeugen" figurieren sollten, blieben wenig ergiebig im Sinne des Staatsanwaltes. Einen Klassenkameraden hatte man irgendwie dazu gebracht, von sich zu geben: "Ich bin der Meinung, daß Zel der geistige Urheber der Tat ist". Mit diesen Worten stand er vor den Schranken des Gerichtes, als wäre er der Angeklagte, mit hochrotem Kopf, seine Hände wechselweise knetend.

Zel & Zel versuchten, durch ihr Auftreten Haltung zu bewahren und auf keinen Fall einen zerknirschten Eindruck zu machen, was den Staatsanwalt zusätzlich reizte und ihn über "Verharren in frechem Hochmut" schimpfen ließ.

Zum ersten Eklat kam es, als der Staatsanwalt fragte: "Angeklagter Zel, warum haben Sie versucht, unsere Republik zu verlassen?!" und dieser antwortete: "Weil es für mich hier keine Zukunft gibt..." Das wertete der Staatsanwalt als eine ungeheuerliche Beleidigung seiner DDR, wo doch bekanntlich jeder eine friedliche sozialistische Zukunft habe. Er tobte und schäumte, es war eine Pracht.

Und der Klurl schrieb und schrieb, eifrig, minutiös und lückenlos. Es wäre heute interessant zu ermitteln, woher die Erlaubnis dazu stammte, in wessen Auftrag er schrieb und wo die Aufzeichnungen wohl gelandet sein mögen.

Bis dann das "Urteil" für Zel & Zel erging: ein Jahr Gefängnis für jeden von beiden. Das war vergleichsweise noch nicht allzu viel, wenn man bedenkt, daß in den weiteren DDR-Jahren die Strafen immer drakonischer wurden. Doch für zwei knapp Siebzehnjährige war das schon enorm, von den Haftbedingungen soll an dieser Stelle besser nicht die Rede sein.

Damit endeten alle weiteren Bezüge von Zel & Zel zur Arnoldischule. Offiziell wurden sie nie rausgeworfen, keiner bekam je einen schriftlichen Bescheid über einen Schulverweis.

Nach ihrer Haftentlassung war einfach klar, daß sie sich nicht mehr unterstehen durften, eine "Auszeichnung durch die mit der Sowjetunion im Kampfbündnis stehende Arbeiterklasse" zu erheischen.

Ein Detail am Rande ist vielleicht noch erwähnenswert: Die Tätigkeit des Genossen Kreisstaatsanwaltes, wie auch die der übrigen "Organe" konnten weder für den Aufbau des Sozialismus noch in sonstiger Hinsicht irgendwelche positive Wirkungen erzeugen. Wie einige Jahre später unter der Hand bekannt wurde, haben sowohl Zel als auch Zel zwischen 1969 und 1972 noch einmal einen Fluchtversuch Richtung Westen gestartet, der dann allerdings vom Erfolg gekrönt war.

 

Köln, Dezember 1997 All rights reserved