Am Fenster

von Reinhard Iben


Es ist tiefe Nacht; das große Schiff fährt in ruhiger See weit draußen auf dem Ozean. Ein ungeheueres metallisches Krachen reißt Paul aus dem Schlaf. Offenbar ist das Schiff mit einem anderen kollidiert. Sein Bett steht quer in der Kabine, die Tür ist aufge-sprungen und zur Hälfte aus den Angeln gerissen. Mit Donnergetöse fliegen große Metallteile draußen im Gang vorbei; auch eine erste eindringende Wasserwoge und von ihr mitgetragen, bellende Schäferhunde.

Paul starrt verblüfft und fragt sich, woher die kommen.

Dann rennen Schiffsoffiziere mit Maschinenpistolen im Anschlag den Gang entlang, als wollten sie auf solche Weise eindringen-de Wassermassen abdämmen. In diesem Moment wird das Schiff von Riesenkräften auf-und-niedergeschüttelt; offenbar ist man auf Felsen aufgelaufen. Aber wieso Felsen; hier draußen, wo das Meer tausende Meter tief ist? Dröhnend, schüttelnd und kra-chend rast alles weiter. Die Kabinentür reißt vollends aus den Angeln, fliegt auf Paul zu; ebenso Holztrümmer, Metallteile und die Hunde; auch Menschenleiber, Matrosen, Schiffsoffiziere, der Kapitän. Panik.

Doch keine Kollision, keine Felsen, auch kein Schiff gab es und nicht von einer Schiffskabine war die Tür.

Es war die einer Gefängniszelle, und was Paul für Kapitän und Offiziere gehalten hatte, waren uniformierte Wärter. Von einem am Kragen gepackt, wurde er im Bett hin-und-her geschüttelt, während ein Zweiter nach seinem linken Fuß griff, um ihn aus dem Bett zu zerren.

Wirklich war es Nacht und Paul ohne Uhr wie jeder Gefangene ohne zeitliche Orientierung. Bei erleuchteter Zelle mit weit offen stehender Tür hörte er im Brüllton ein bestens bekanntes Kommando: „Raustreten! Hände hoch! Gesicht zur Wand!“ So stand er im nächsten Moment mit knielangem Gefängnisnachthemd aus grobem grauen Stoff an der Längswand der Zelle. Die Handflächen seiner hochgestreckten Arme vorschriftsmäßig an die Wand gestützt, war ihm nicht erkennbar, was hinter ihm vor- ging. Mehrere Wärter schienen aufgeregt zu wühlen in den wenigen Gegenständen seiner Zelle. Aus der großen Halle und von den Gängen aller Etagen hörte Paul derweil vereinzelt Stimmen, dann und wann überlagert von gebrüllten Kommandos, viel eili- ges Stiefelgetrappel. Das ganze Gebäude schien in Aufruhr.

Eine Weile hatte er so gestanden, als vom Gang an ihn der Befehl kam: "Vortreten, mitkommen!" Barfuß im Nachthemd wurde er abgeführt; die bekannten Treppen abwärts ins Erdgeschoß und eine weitere, ihm bisher unbekannte Treppe hinab in den Keller.

In einem langen Gang mit vielen Türen wurde eine geöffnet und er hineingeschoben in eine unbeleuchtete Kammer.

Sofort nachdem sie geschlossen war, fiel ihm Ungewöhnliches an der Tür auf. Aus groben Holzbohlen bestand sie, mit finger-breiten Spalten, wodurch Licht vom Kellergang fiel. Kaum daß er dies bemerkte, war draußen schon abgeschaltet und er stand in völliger Dunkelheit barfuß auf kaltem Steinboden. Ohne Fenster war der Raum, sodaß auch nach einer Zeit der Gewöhnung das Auge nichts erkennen konnte; in wahrhaft totaler Finsternis. Langsam begann er um sich zu tasten, in der Furcht, mit nächster Bewegung den Kopf sich zu stoßen, doch in Kopfhöhe war bei Armeslänge alles frei um ihn herum. Weiter tastete er zögernd und fühlte in Hüfthöhe Holzteile in seiner Nähe. Gestapelte Möbeltrümmer schienen es zu sein, vielleicht auch anderes; nichts jedoch, worauf man sich hätte setzen können; und genau das wollte er. Wenn irgend möglich, irgendwo sich draufhocken, egal wo. Nur endlich die nackten Füße vom Boden weg zu bekommen und die Knie zur Brust zu ziehen, war sein einziges Streben. Barfuß hatte er gestanden seit er aus dem Bett gerissen war, ohne es anfangs zu spüren, doch nun begann von seinen Füßen aufwärts Eiseskälte schmerzhaft die Beine empor zu kriechen.

Weiter durchtastete er die Finsternis, bis hinter immer neuen, unbenennbaren Holzteilen seine Hand etwas Weiches erreichte, was nach einigem Befühlen den Eindruck gab, es seien Matratzen hochkant gestellt inmitten des Gerümpels. Diese wurden nun sein Ziel. Über Holzteile kletternd versuchte er dorthin zu gelangen; fand mit den Füßen kaum trittsicheren Halt, sodaß unsichtbare Teile umstürzten und sein Knie und Schienbein mehrmals schmerzhaft irgendwo gegenkrachte. Schließlich kam er an. Wirklich waren es Matratzen und er hockte sich darauf mit zur Brust gezogenen Knien. Wie ein Vogel auf der Stange saß er; froh, daß weiter keine Gerümpelstücke umgestürzt, daß seine nackten Füße endlich dem eiskalten Boden entkommen waren.

So blieb er hocken, wartend was weiter nun geschehe. Abgestandene Kellerluft in vier Wänden bei Totenstille in totaler Finster- nis bildeten seine Umgebung. Von Zeit zu Zeit ging Licht im Kellergang kurz an, Schritte und Schließgeräusche, doch keine Stimmen; vielleicht wurde jemand gebracht oder geholt. In diesen kurzen Spannen fiel etwas Licht durch die Ritzen der Holztüre in seine Kammer, ließ einiges um ihn herum erkennen, doch nichts als gestapeltes Gerümpel.

Das Licht warf helle Streifen an die Wand, wo Paul eingeritzte Schriften sah und er an einer Stelle las: "Der Westen vergißt uns nie". Die Inschrift überraschte ihn aufs Äußerste, kam einer kleinen Sensation gleich. Daß die Wärter das nicht längst entdeckt hatten. Eine Ungeheuerlichkeit mußten solche Worte für sie sein, eine Kritzelei von allerschwerst staatsfeindlichem Charakter; sogar eine Drohung würden sie herauslesen. Paul glaubte, nicht richtig gesehen zu haben; wartete auf die nächste kurze Licht-periode und las: ja, da stand es eingeritzt: „Der Westen vergißt uns nie“; ein Satz, der ihn später noch beschäftigen sollte.

 

Eine unbekannte Anzahl von Stunden war vergangen. Ob schon Tag oder noch Nacht, blieb unerfindlich, als plötzlich zwei Wär-ter aufschlossen und "Raustreten!“ kommandierten, „Na-los na-los!“

"Ich habe keine Schuhe", sagte Paul, noch immer mit angezogenen Knien hockend auf hochkant stehenden Matratzen.

"Sofort raustreten hab` ich gesagt!"

Paul bewegte sich abwärts, stieg vorsichtig über Gerümpel und trat in den Gang.

"Ich habe keine Schuhe", wiederholte er.

"Sie kommen jetzt mit", fuhr ihn ein Wärter an.

"Ich möchte meine Schuhe aus der Zelle haben", beharrte Paul.

"Dann meinetwegen, soll er seine Schuhe kriegen", sagte der zweite Wärter.

"Ich bedien´  den doch nicht auch noch!", kam vom Ersten zurück.

"Wir bringen ihn vorher noch hin", meinte der Zweite, "mitkommen!", zu Paul gewandt und sie führten ihn barfuß wieder durch Kellergänge, die Treppen hinauf zum Zellentrakt in den ersten Stock.

Dort fiel ihm auf, daß alle Türen zu beiden Seiten seiner Zelle, wie auch diese, weit offenstanden. Kein Gefangener mehr zu sehen, weit und breit. Im Durcheinander seiner Zelle, hinter-lassen von großer Filzung, suchte er seine Schuhe, schlüpfte eilig hinein, sah seine Socken in einer Ecke liegen, ergriff auch diese in aller Eile und wurde von den Wärtern angetrieben:

"Na-los, na-los, na-los!“

Draußen war heller Tag. Über mehrere Treppen und Gänge ging es zu einem bislang ihm unbekannten Gebäudeteil. Dort lagen Büroräume und in einem davon wurde er abgeliefert.

 

"Da könn´ Se sich hinsetzen", sagte der zivilgekleidete Mann am Schreibtisch, "sind Sie Hanfeld, Paul?" Ja.

"Zelle 58?" Ja.

"Wissen Se, warum Se hier sind?"

Diesen zynischen Spruch kannte Paul von ähnlichen Gelegenheiten. Es war die hämische Aufforderung, ein Schuldbekenntnis abzulegen, nach dem Muster: Ja. Ich bin hier, weil ich gegen die sozialistische Friedensordnung unserer Deutschen Demokra-tischen Republik verstoßen habe, indem ich die Gesetze zum Schutze unserer Staatsgrenze gebrochen und versucht habe, Repu-blikflucht zu begehen. Deshalb sehe ich nun meiner gerechten Bestrafung entgegen.

Das aber sagte Paul nicht. Paul schwieg.

"Sie sind in Untersuchungshaft wegen versuchter Republikflucht. Denken Sie dran: Sie haben viel wieder gut zumachen!", stellte der Mann am Schreibtisch fest.

Paul schwieg weiter; was will der von mir?

"Wie lange“, fragte der Schreibtischmann, „sind Sie schon in dieser Untersuchungshaftanstalt?" 

Vielleicht 14 Tage oder drei Wochen.

"Was heißt vielleicht?" 

Ich hab` keine Uhr.

"Nu wer`n Se mal nich frech, Sie! Wie lange sind Sie schon in Zelle 58?"

Seit ich hierher gebracht worden bin. Das heißt: die ersten zwei-drei Tage hatten sie mich irgendwo anders reingesteckt.

"Hier wird niemand irgendwo reingesteckt, hier werden Untersuchungsgefangene ordnungsgemäß inhaftiert, verstanden?!" empörte sich der Mann am Schreibtisch. "Also wenigstens 10 Tage sind Sie in Zelle 58?"

Ja.

"Haben Sie da Wahrnehmungen gemacht?"

Was soll ich denn da wahrnehmen?

"Haben Sie da etwas gehört? Kratzen oder Schaben oder sowas in der Art?"

Man hört so alles mögliche in einem Gefängnis.

"Was soll denn  d a s  heißen?"

Ja, zum Beispiel, wenn in einer Werkstatt gearbeitet wird.

"In diesem Gefängnis gibt es keine Werkstatt."

Ach, so. Ich hatte gedacht, hier wäre auch eine Werkstatt, wo Gefangene arbeiten müssen.

"Wie kommen Sie denn da drauf?"

Na ja, weil das normalerweise so ist in Gefängnissen. Da gibt es Werkstätten, wo die Gefangenen arbeiten müssen.

"Was heißt denn hier: normalerweise. Haben Sie was gehört oder haben Sie nichts gehört? Denken Sie dran: Sie haben hier viel wieder gut zumachen!"

Na-ja, ich habe eben ganz normale Arbeitsgeräusche gehört, vielleicht von der Werkstatt unter meiner Zelle.

"Hier gibt es nirgendwo eine Werkstatt, auch nicht unter Ihrer Zelle; hab` ich Ihnen schonmal gesagt!" Der Vernehmer wurde wütend und kam von seinem Stuhl hoch.

Na, dann, so Paul, dann halt nicht, hab´ mich eben geirrt.

"Und was haben Sie da nun gehört?"

So richtig gehört habe ich eigentlich nichts, hab` eben nur gemeint, daß da welche arbeiten, in einer Werkstatt zum Beispiel. "Hier gibt es keine Werkstatt, verdammt nochmal! Wie oft soll ich Ihnen das noch sagen!!"

Völlig außer sich war der Vernehmer, als wolle er gleich mit Fäusten losgehen auf die zusammengekauerte Nachthemdgestalt in den lächerlich groß erscheinenden Schuhen. Doch irgend etwas hemmte ihn, wobei es im Grunde nichts gab, was ihm hätte im Wege stehen können.

"Also hör`n Se mal", sagte der Vernehmer plötzlich und zog sich hinter seinen Schreibtisch zurück, "Sie können ruhig alles sagen. Sie sind doch unschuldig. Ich will Ihnen nichts anhängen."

Dieser freundlich gesprochene Satz traf Paul wie ein Schlag im Gesicht; wie ein klatschnasser Lappen, triefend von Falschheit und Tücke. Reglos ohne Wimpernschlag saß er und schwieg. Keine Niedertracht gab es, noch Heimtücke, die er diesem Mann, wie allen seiner Sorte, nicht zugetraut hätte. Für Irrsinn hätte Paul gehalten, anderes auch nur zu erwägen. Schon eigene Erfah- rung gebot das und mehr noch, was andere vor seinen Augen hatten erfahren müssen. Zudem war ihm, wie jedem Häftling, bei- zeiten kaltschnäuzig ins Gesicht gesagt worden, was man hier vorhabe und zu diesen Zwecken zu tun in der Lage sei. Ihre Ziele würden jedes, wirklich jedes Mittel rechtfertigen und man habe ja Zeit, sooo-viiiel Zeit. Ein gleiches Entsetzen und solche Angst, wie zuvor mit diesen Sprüchen erzeugt, ergriff nun Paul bei dem freundlich gesprochenen Satz. Dazu ein tiefer Abscheu gegen diesen Schreibtischmann gesellte sich zu den Gefühlen, die er unbedingt versteckt halten mußte. Von wegen "nichts anhängen". So etwas schwatzt er ausgerechnet jetzt, für wie blöd hält er mich, schwieg Paul vor sich hin.

"Na los, was ist: Haben Sie Wahrnehmungen gemacht in der Zelle rechts neben Ihnen?"

Ich habe in dieser Zelle nichts wahrgenommen, weil ich da nicht reinschaun´ kann.

"So genau wollt` ich`s nun auch nicht wissen. Sie haben jedenfalls Geräusche gehört?"

Ja.

"Diese Geräusche hätten von Ihnen als besonderes Vorkommnis sofort gemeldet werden müssen!"

Aber das war kein besonderes Vorkommnis für mich, sondern etwas ganz Normales, Alltägliches, wenn in einer Gefängniswerk...

"Zum allerletzten Mal jetzt! Es gibt hier keine Werkstatt und keine nicht von uns veranlaßten Arbeiten!"

Was ist denn das, dachte Paul, wenn es keine nichtveranlaßten Arbeiten gibt, dann gibt es eben nur veranlaßte Arbeiten, dann müßte alles in bester Ordnung sein. Oder ist dem Kerl da eben ein Versprecher unterlaufen aus unbewußtem Wunschdenken? Paul schwieg. Auch der Vernehmer schwieg und stierte verbiestert über seinen Schreibtisch Richtung Fenster.

Was-in-aller-Welt mag hier im Gange sein, grübelte Paul auf seinem Stuhl, nur ganz Ungeheuerliches kann infrage kommen, doch zu fragen ist zwecklos. Der Kerl da wird es nicht sagen, war Paul überzeugt und nichts hätte er geglaubt, was auch immer dieser Mensch an Erklärungen gebracht hätte.

So ging es zum nächsten Kapitel.

"Haben diese Geräusche angedauert, auch wenn Ihre Zelle aufgeschlossen wurde?" wollte der Mann nun wissen.

Diese Frage machte Paul sofort hellhörig und um Zeit zu gewinnen, fragte er etwas dümmlich nach:

"Wie meinen Sie das, ich sehe keinen Zusammenhang."

"Na, ob bei Schritten auf dem Gang oder beim Aufschluß Ihrer Zelle die Geräusche verstummten?"

Paul überlegte: der will jetzt wissen, ob die Wärter das auch gehört haben könnten und das ist wohl von Bedeutung. Eine kleine Gelegenheit spürte er plötzlich sich auftun, Zwietracht zu säen im feindlichen Lager und reagierte sofort.

"Diese Arbeitsgeräusche waren eigentlich immer zu hören“, log er drauflos, „auch wenn jemand kam und meine Zelle auf- schloß".

Ganz wild war der Vernehmer nun zu erfahren, welche Wärter es gewesen seien, die da beim Ertönen der Geräusche zugegen waren: "Wir machen sofort eine Gegenüberstellung".

Da könne er keinen Speziellen bezeichnen, gab Paul zur Antwort.

Wieso nicht??

„Es waren eigentlich alle. Ausnahmslos jeder von denen, die hier Dienst tun, seitdem ich eingeknastet bin."

Noch eine Weile kritzelte der Vernehmer schweigend in seinen Papieren, bis er einen Wärter rufen ließ und dem ins Ohr flüsterte.

Paul wurde abgeführt, durch die Korridore zurück in den Gefängnistrakt zur Zelle 58. Endlich durfte er das Nachthemd ablegen; Hose, Hemd und Jacke anziehen. Seine wenigen Habseligkeiten, noch immer verstreut in der Zelle, befahl man zusammen-zu- raffen und hinzulegen in die Mitte einer gefängniseigenen Pferdedecke, die er am Zellenboden auszubreiten hatte, um deren vier Eckzipfel zusammenzuführen und zu verknoten. Wie einen Rucksack trug Paul die Fuhre, mit der man ihn zu einem anderen Gebäudeflügel führte; diesmal in eine normale Zelle mit Hocker, Pritsche und Fäkalienkübel.

Langsam war es Abend geworden und alles zurückgesunken in die gehabte Ereignislosigkeit der Untersuchungshaft. Irgend- wann, durch die Gänge gebrüllt, kam das allabendliche Kommando zum Wechseln der Fäkalienkübel-Einsatzeimer; das überall gleiche Morgen-und-Abend-Ritual, dem sich meist die Essenausgabe anschloß.

Für Paul kam es anders. Bei ihm wurde bald danach aufgeschlossen und er zum sofortigen Zusammenpacken und Mitkommen aufgefordert. Alles ging sehr schnell; hatte er doch, wie einer Ahnung folgend, sein Bündel noch nicht entknotet gehabt. Nochmals wurde er davongeführt, wieder in eine neue Richtung, zum anderen Ende des bisher von ihm bewohnten Gebäudeflügels. Hier öffneten die Wärter eine Zellentür.

 

Hinter Paul krachten Türschloß und Riegel, als er sich in einer Einzelzelle sah, wo schon zwei Häftlinge standen. Sie begrüßten einander und der Erste sagte:

"Hatt`ch mir doch gedacht, daß wir heut` noch zu dritt wer`n."

Quer unter dem Fenster stand ein hölzernes Doppelstockbett, daneben zwei neue Schemel.

"Das alles ham`se erst heute morgen hier reingescho`m".

Auch er wäre bis letzte Nacht in einer anderen Zelle gewesen, meinte der Zweite.

"Erzähl`ma, was bei Dir heut` los war".

Paul erzählte und die beiden anderen lachten.

"Na, weeßte nich`, was passiert is?" fragte der Erste. "Neee? Zweie sin` heute Nacht getürmt; aus Zelle 59."

„Neunundfünfzig?“ fragte Paul.

„Na eben, deshalb ja“, so der Erste weiter, "kriech`ma vorsichtig auf`s obere Bett. Aber daß der Posten dich nich sieht, paß` bloß uff! Siehste da unten an der Hauswand gegenüber die kahle Stelle? Da gab`s bis heut morgen noch`n Fahrradständer und`n Re- genrohr. Jetz is da nischt mehr. Da drüber sin` die hoch zur Hauswand, un dann nach links über de Mauer un weg."

Woher er das wisse, fragte Paul, ob er das gesehen habe?

"Iiich?... Nööö... iiich doch nich`", sprach der Erste ironisch gedehnt mit gespielt ernstem Gesicht. "Jedenfalls ham die in ihrer Zelle de Ziegelsteine aus der Wand geknabbert, sin da raus, irgendwie runter und weg.“

Eine Pause entstand.

„Oh-Gott, oh-Gott“, sagte der Zweite dann und sein Gesichtsausdruck veränderte sich völlig bei diesen Worten, wurde sehr ernst. "Hoffentlich sin die über alle Berge. Wenn`se die schnappen... man darf gar nich dran denken... dann sin`se reif. Die könn´ sich de Knochen nummerieren."

 

Die neuen Haftkameraden erwiesen sich als umgängliche Zeitgenossen. Ein unbezahlbar wertvoller Umstand in solcher Lage; eigentlich der größte Reichtum, der in einem Knast wie diesem zu haben war. Der Erste hatte seine angestammte Klapp-Pritsche an der Längswand behalten, der Zweite hatte sich im oberen Doppelstockbett schon eingerichtet, "wegen der guten Luft und weil man vielleicht doch noch was mitkriegen könnte."

Unten packte Paul sein Bündel aus. Bald war Nachtruhe.

Wie vermutlich die anderen auch, hing Paul seinen Gedanken nach. Er überdachte, was wohl geworden wäre, wenn... Ja, wenn man vor 14 Tagen zum Beispiel ihn als dritten Mann in die Zelle 59 gesteckt hätte. Dort wären die beiden erst mal ganz schön schockiert gewesen, wie vor den Kopf geschlagen, daß da plötzlich ein Neuer mitten in ihre Vorbereitungen hinein platzt. Nach einer Weile hätten sie ihn eingeweiht, konnten doch nicht alles auf halbem Wege liegen lassen. Paul hätte sich ihren Plan genau erklären lassen und sinngemäß gesagt:

"So, so. Ausbrechen wollt Ihr. Nicht schlecht. Und dann? Was dann? Dann seid Ihr längst noch nicht frei. Sowas wie Untertau- chen oder ähnliches geht nicht; ist völlig utopisch in einem Land wie diesem. Oder glaubt Ihr etwa, irgend jemand wird uns helfen? Von wegen! Jeder da draußen hat Höllenangst, hier drin zu landen. Jeder, der an`s Helfen auch nur im Entferntesten denkt, weiß genau: wenn man uns wieder schnappt, werden Aussagen von uns erpreßt und zwar mit äußerst brutalen Methoden. Mit der Folge, daß man ihn, unseren Wohltäter, ergreifen und einlochen wird. Fünf Jahre und mehr sind ihm sicher. Das Günstig- ste, was passieren kann, falls uns draußen jemand sieht, wäre, daß er freundlicherweise einfach wegschaut. Seid Ihr Euch im Klaren, daß von nirgendwo und niemandem Hilfe zu erwarten ist? Na, also. Nur eine einzige Möglichkeit bleibt uns. Wir müssen raus aus diesem durch-und-durch kontrollierten, ummauerten Land. Doch an der Grenze wird gnadenlos geschossen auf jeden, der abhauen will. So und nicht anders stehen die Dinge."

Mit allem nur aufbietbarem Sarkasmus in der Stimme hätte Paul dann höflich angefragt, ob sie wenigstens ein paar Schnellfeuer- waffen hätten und auf die zu erwartende Verneinung größtes Erstaunen geheuchelt:

"Na, sowas aber auch! Stellt Euch mal vor: ich auch nicht. Wir können nicht mal mitmachen, wenn die Schergen an der Grenze auf uns feuern. Haben wir sonst was zur Hand, womit wir uns wehren könnten? Nein. Nichts. Absolut nichts. Rein gar nichts. Wir haben schlechte Karten, unsere Chance ist minimal. Trotzdem bleibt uns nichts anderes übrig, als es zu versuchen. Von hier bis zur Grenze sind es sechs Kilometer. Also los, ich bin dabei."

Das hätte Paul sagen wollen, wäre er in Zelle 59 gelandet.

Mit solchen Gedanken schlief er ein.

Die Nacht ging den gewohnten Gang.

 

Köln, Januar 2002