Reinhard Iben

Wie von magischen Kräften gezogen -  so sagt man -  kehrt der Täter zurück zum Ort seiner Tat.


was  passiert  ist

So zog es mich nach 29 Jahren hin zu jener Schule in Thüringen, die 1964/65 Schauplatz meiner Taten war. Begangen hatte ich sie im Unterricht der Geschichte und Staatsbürgerkunde und bald darauf würdigte ein DDR-Staatsanwalt sie mit den Worten:      ". . . hat der Angeklagte . . . die gesellschaftswissenschaftlichen Erkenntnisse des Marxismus-Leninismus ignoriert und seine falschen Anschauungen trotz Belehrung nicht korrigiert"  und weiter mit Pathos, ". . . hat der Angeklagte die Staatsgrenze unserer Republik zu durchbrechen versucht . . . eine Grenzprovokation, die große Gefahr für den Weltfrieden heraufbeschworen hat."

wie es dazu  gekommen war

wollte zu jener Zeit in einem Volkspolizeikreisamt ein Vernehmer beim Verhör von mir wissen und machte den Eindruck, Ursa-chenforschung betreiben zu wollen. Dazu, allerdings, hätte es einer Sprache der Wahrhaftigkeit bedurft. Diese zu verwenden, war für einen DDR-Häftling jedoch ebenso unmöglich, wie für einen solchen Vernehmer undenkbar.  So bekam der arme Mann schließlich wieder kein Ergebnis, sondern  nichts als Bestätigung.

doch  besser  der  Reihe  nach

Geboren 1948 und aufgewachsen nicht weit von Erfurt, wurde meine Jugendzeit in den sechziger Jahren überschattet von Aus- wirkungen des Kalten Krieges und den abscheulichen Eigenheiten des DDR-Staates. Trotz allem bin ich Thüringen nach wie vor verbunden, kenne in den Bergen Weg und Steg. Nach gelungener "Republikflucht"  verschlug es mich 1970 ins damalige West- Berlin, wo ich prägende Jahre verbrachte; unter anderem mit Studium und Promotion. Noch heute fühle ich mich auf vertrautem Boden, wenn Berliner Gehwegpflaster unter meinen Schuhen liegt. Nach Köln schließlich kam ich mit Frau und Kindern zur Übernahme einer zahnärztlichen Praxis, die ich bis 2014 betrieb. So könnte man mich auch als „thüringischen Berliner aus Köln“ sehen.

 

lektüre

Die heiklen Dinge, mit denen ich ab 1968  zu tun bekommen hatte, weckten nach einer Weile die Aufmerksamkeit aktenschrei-bender Schnüffler. Die sollten sich - abgesehen von ihren sonstigen Taten - als ziemlich miserable Schriftsteller erweisen, deren Qualität nicht besser wurde durch die militärischen Ränge, die sie sich gegeben hatten  -  von Unteroffizier bis Oberstleutnant und höher  -  auch nicht durch das Etikett "Ministerium" .

Ihre Schriften konnte ich nach 1989 ausgiebig studieren. Dabei begann die Frage mich umzutreiben, wie der vorgefundene Stoff in eine Form zu bringen sei, die auch sprachsensible Leser vertragen können. So kam mir der Gedanke, einen Text zu schaffen, der aus flexibler Distanz zum Erzählten die Dinge darstellt.

. . . dann  war  da  noch  was

Die Wiederbegegnung mit meiner alten Schule zog ab 1998 überraschende Folgen nach sich. So kam von dort der entscheidende Anstoß, Ereignisse aus alten Zeiten mit literarischen Mitteln zu bearbeiten, was einer Initiative des heutigen Direktors jener Schule zu danken ist. Es entstand 

1997/98 mein erstes Werk dieser Art mit dem Titel  "ZEL & ZEL" und wurde zum unerwarteten Erfolg. Das wirkte stimulierend

         und  in den Folgejahren schrieb ich eine Reihe von Kurzgeschichten, 

2002 die Erzählung "AM  FENSTER" , die in "Nachrichten aus Anderwelt" (Agenda-Verlag, Münster) veröffentlicht und mit

         dem  Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis bedacht wurde.

Seit 2007 beziehe ich beim Lesefutter-Verlag Bremen gelegentlich Anerkennung, wenn mal wieder die eine oder andere meiner

        "MINIATUREN" gedruckt wird.

2016 gelangte eine Dreißig-Kapitel-Erzählung von 360 Seiten zur Vollendung, deren Entstehen fünfzehn Jahre in Anspruch

         genommen hatte und wofür der Titel "ZWEI  PLUS VIER" sich gradezu aufdrängte.