zwei  plus  vier

Wer mittendrin steckt, sieht meistens nicht sehr weit. Gewonnener Abstand ändert das.


der  checkpoint  charlie

ist nach Alpha (für "A") und Bravo (für "B") als dritter und letzter "Allied Checkpoint" mitten in Berlin weltbekannt geblieben. Hier, an einer Mauerlücke, wo im Norden der Osten und im Süden der Westen ist, nehmen während des Kalten Krieges Konflikte Gestalt an, teils offen, teils verborgen. Jener Sektorengrenz-Übergang spielt in "Zwei plus Vier" eine bedeutende Rolle. In dieser Erzählung geht es unter anderem um

fluchthilfe

die es auch an solch neuralgischem Punkt gibt. An der langen Ost-West-Demarkationslinie, so hört man, seien die sowjetischen Genossen sehr angetan von den Sperr-Bauten und sonstigen Maßnahmen, die mit deutscher Perfektion angelegt sind. Weil nichts wahr ist ohne sein Gegenteil, kommen Gegenkräfte gleicher Perfektion von der Westseite zur Wirkung, weshalb die DDR- Obrig- keit sich empört über "verbrecherische, geheimdienstlich gesteuerte, kriminelle Menschenhändlerbanden". So bescheinigt man sich selbst ein gebrochenes Verhältnis zur Wirklichkeit, wie überhaupt die

DDR

im Dauerkonflikt mit der Wahrheit liegt. Sie ist der einzige Staat der Welt, wo schon beim Aussprechen des vollen Namens drei- mal gelogen wird. Dabei ist weder neu noch originell, wenn jemand, in unlösbarem Konflikt gefangen, mit der Unwahrhaftigkeit ein Bündnis eingeht, um sich und andere zu zwingen, die Dinge schön zu lügen. Wie immer, liegen Konflikt, Lüge und Gewalt- tat auch hier auf einer Linie.  In "Zwei plus Vier" wird das zur hochriskanten Auseinandersetzung mit der DDR-Staatsmacht und bringt die Protagonisten in existenzielle Gefahr.  Damit sind wir beim Kern der Sache, um den alles sich rankt, nämlich eine

Liebesgeschichte

die in der Kleinstadt Warterode in Thüringen ihren Anfang nimmt. Die beiden Verliebten beschleicht nach einiger Zeit das Ge- fühl, alle Götter der Antike hätten sich gegen sie verschworen, weil Hindernisse, Widerstände und andere Übel ihnen im Wege stehen. Dabei gehen ihre Ambitionen nur in einem Punkt über das hinaus, was ein junges Liebespaar gemeinhin anstebt: sie wün- schen sich eine gemeinsame Zukunft ohne DDR. Das scheitert an der Wirkung der seit sieben Jahre stehenden

Berliner  Mauer

wo schon die Vorbereitung eines Versuchs zur Überwindung mit drakonischen Strafen bedroht ist und immer wieder Leute bei Fluchtversuchen erschossen werden. Auf diese Mauer und die Sperranlagen, die von der Ostseeküste bei Lübeck bis nach Hof reichen und von dort weiter bis zum Schwarzen Meer, muß das junge Paar dennoch seinen Blick richten, um eine sogenannte

Republikflucht

wie es im SED-Jargon heißt, zu bewerkstelligen. Die beiden ahnen nicht, was die Alten vergessen haben, nämlich daß so etwas seit 1891 beschrieben ist, in einem düsteren Roman über sozialistische Zukunftsvisionen. Der Autor  behauptet darin,  aus einem sozialistisch beherrschten Land begännen die Menschen auszuwandern. Erst einige, dann immer mehr, schließlich massenhaft und so käme der sozialistischen Obrigkeit die Idee, das Land hermetisch abzuriegeln. Das gipfelt in dem Satz:

"Die Grenzpatrouillen sind angewiesen, gegen Flüchtlinge von der Schusswaffe rücksichtslos Gebrauch zu machen." (*)

was nun leider wahr geworden ist. Die Aktivität der beiden zur Vorbereitung ihrer Flucht bewirkt unter anderem, daß die

Stasi,  das  KGB  und  Westliche  Geheimdienste

aufmerksam werden und auf ihre Weise den Schauplatz betreten. Angefangen mit ziemlich unbekannten wie dem B.S.S.O. und 66th.Mil.Int.Gp. sowie D.P.S.D.,  über eine ordinäre Geheimpolizei, die sich Ministerium für Staatssicherheit nennt und Stasi ge- nannt wird, bis zum sowjetischen KGB. Wenn auch in diesem Fall das KGB der Stasi zur Hand geht, verfolgen doch alle ihre ei- genen Ziele. Auf seinem Weg gerät das junge Paar in dieses finstere Labyrinth, wo tückische Fallen lauern. Bevor es so weit ist, bekommt zunächst der

prager  frühling

große Bedeutung im Leben der beiden. Ab Januar 1968 sehen sie ein erstes und einziges Mal Hoffnung sich anbahnen, daß die Verhältnisse in der DDR langsam verändert werden könnten. So wird deutlich, daß eine tiefe, quälende Hoffnungslosigkeit das eigentliche Problem ist. Das scheint nun endlich zu weichen, doch alles endet am 21. August 1968 mit der Invasion sowjetischer Panzer in Prag. Die Folge ist ein Sturz in neue Hoffnungslosigkeit, gegen die nur ein Kraut gewachsen ist: Flucht. Von da an betreiben sie mit Hochdruck ihr geheimes Projekt, das mit all seinen Umständen, Verwicklungen und Nebenwirkungen ausführ-lich beschrieben ist in "Zwei plus Vier".


(*) Eugen Richter: "Sozialdemokratische Zukunftsbilder" (1891)

Meine Rezension dazu findet sich hier:  ZUKÜNFTE  HINTER  UNS   oder, um es mit Vladimir Nabokov zu sagen,

"Der Kommunismus ist eine wunderschöne Kanne voll mit frischer Milch, an deren Boden eine tote Ratte liegt".